- Von der Anwesenheit des Abwesenden -

Pavillon


Gedanken zu den Schuhwerken von Werner Schaarmann

Text von Klaus Dornisch

Den Titel der Ausstellung "Von der Anwesenheit des Abwesenden" hat von den Anwesenden hoffentlich niemand so gedeutet, daß der durch seine Kunstwerke anwesende Künstler nur scheinbar anwesend, in Wirklichkeit aber abwesend ist. Und auch die erfreuliche Zahl der Anwesenden zeigt, daß wahrscheinlich niemand den Titel derart missverstanden hat, dass er/sie seine/ihre geistige Anwesenheit durch körperliche Abwesenheit zum Ausdruck gebracht hätte.

Sie merken, meine Damen und Herren, der Titel ist also keine Ankündigung eines besonderen Vernissagen-Gags, sondern ein höchst philosophischer, mit vollem Bedacht gewählter Titel von Werner Schaarmann. Und um nun diesen philosophischen Überbau gewissermaßen "vom Kopf (des Künstlers) auf die Füße zu stellen", wie wir es brav von Marx gelernt haben, wollen wir uns im Folgenden diese Füße etwas näher ansehen.

Beginnen wir mit dem Allgemeinen bevor wir uns dem Speziellen zuwenden:

Anders als die Hände, bekommen wir im normalen täglichen Umgang - jedenfalls in den sogenannten "zivilisierten" Ländern - die Füße unserer Mitmenschen kaum zu Gesicht. Man muss schon in Badeanstalten gehen oder Urlaubsorte aufsuchen, um dieser für unser Fortkommen immerhin ziemlich wichtigen Körperteile bei anderen Menschen ansichtig zu werden. Füße in "zivilisierten" Ländern haben in der Öffentlichkeit verhüllt zu bleiben, nicht etwa aus religiösen Gründen, schon eher weil es unseren zarten Füßen sonst zu kalt sein könnte, aber auch, weil barfuß zu gehen mit unseren sonstigen Lebensgewohnheiten nur schwer in Einklang zu bringen wäre. (Oder können Sie sich z. B. einen Ober im Frack, aber barfüßig, vorstellen?) Zwar stecken wir auch die Hände gelegentlich, v.a. wenn es zu kalt wird, in "Hand-Schuhe", doch bleibt dies eben die Ausnahme. Die Hand bleibt - im Gegensatz zum Fuß - normalerweise unbeschuht.

Für die Füße hat der Mensch also die Schuhe erfunden. Das ist eine ziemlich hohe Kulturleistung. Denn der Schuh ist schließlich nicht nur ein Hilfsmittel, um besser und sicherer laufen zu können, er ist in hohem Maße auch Ausdruck der Persönlichkeit seines Trägers/seiner Trägerin, wie wir später noch hören werden. Zwar ist es richtig, daß der Mensch im Stadium seiner allmählichen Zivilisierung den Schuh ursprünglich zum Schutze seiner abnützungsgefährdeten Füße erfunden hat, so wie auch das zivilisierte Pferd schließlich Hufe trägt, doch über die animalische Kreatur erhebt sich der Mensch bekanntlich durch die ihm eigene Fähigkeit Schönes zu schaffen und zu empfinden. Philosophisch betrachtet sprechen wir von Ästhetik.

Um Ästhetik geht es daher auch im Folgenden - aber nicht nur.

Die Ästhetik des Schuhs spielte natürlich in der Antike auch schon eine wichtige Rolle. Die Menschheitsperiode, in der der bis dahin unbeschuhte Mensch zum Schuhträger mutiert ist - die sogenannte Dunkle Schuhzeit (dark shoe-ages) - wollen wir hier einmal unberücksichtigt lassen. Doch schon in jenen Perioden, die uns Klassischen Archäologen näher liegen, den schriftlich überlieferten also, taucht der Schuh in Bild- und Textüberlieferung auf. Anfänglich ausschließlich das Privilegium der herrschenden Klasse - nur der Pharao wird auf altägyptischen Darstellungen mit Schuhen abgebildet, nicht aber der Beamte - scheint der Schuh auch noch in phönikischer, griechischer oder römischer Zeit etwas durchaus Besonderes gewesen zu sein, was sich nicht jeder leisten konnte.

Kaum anders lässt sich auch die Verwendung des Schuhmotives als Zeichen symbolhafter Bedeutung in antikem Bestattungswesen erklären. Wir kennen Trinkgefäße in Form von Schuhen, angefangen von urartäischen Keramik-Schuhen bis hin zu den berühmten römischen Glasschuhen, als kostbare Grabbeigaben. Ersatzfüße in antiken Heiligtümern, von Archanes-Anemospilia im minoischen Kreta bis zu den Votivfüßen in den Asklepiosstätten von Epidauros, Korinth oder Pergamon und Ersatzfüße mit Schuhen in Gräbern den Nahen Ostens bis ins merowingische Franken weisen auf die Angst vor Abnutzung dieser für das "Weiterkommen" auch im Jenseits wichtigen Körperteile hin.

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Martin Boss
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aktualisiert am 17. März 2008 um 15:00 Uhr