- Von der Anwesenheit des Abwesenden -

Pavillon


Bis hinauf ins europäische Mittelalter waren Schuhe Ausdruck kostbaren Besitzstandes. Noch Hans Sachs in Nürnberg bietet ein treffliches Beispiel für das Besondere, was mit Schuhen bis dahin verbunden wurde. Ganz Rennaissance-Mensch, betrachtet er sein Gewerbe als Kunst-Handwerk, und sich selbst als Meister einer künstlerischen Zunft, der er in zahllosen Versen sein Wort lieh. Eingerollte Schuhspitzen der Vornehmen dieser Zeit kündeten von der Noblesse des Patriziats und des Adels, aber auch typische Ornamente landesüblicher Trachten zeugten vom großen Aufwand, Schuhe künstlerisch und modisch zu schmücken. Form und Zurichtung der Schuhe war somit in höchstem Maße Ausdruck des Geschmacks seines jeweiligen Trägers/seiner Trägerin, seines Schöpfers und seiner Zeit geworden.

Erst in der frühen Neuzeit wurde der Schuh zur Massenware. Doch gerade mit der Vervielfältigung der Schuhe durch die industrielle Massenproduktion, erfuhr der Schuh auch eine immense Verbreitung und eine Vervielfältigung seiner Funktion und Form: denn der Schuh wurde in hohem Maße zum Spiegelbild des sozialen und beruflichen Umfeldes seines Trägers/seiner Trägerin. Einige Beispiele mögen dies erläutern. Jeder wird leicht einsehen, daß das stabile Schuhwerk eines Stahlarbeiters am Schmelzofen zwangsläufig ein anderes sein muss, als etwa das leichte Schuhwerk einer Ballettänzerin. Militärstiefel flössen unter Umständen Angst ein, Hausschuhe strahlen Ruhe aus. Jahreszeitliche Gesichtspunkte spielen eine Rolle, warum wir einmal Stiefel wählen und das andere Mal Sandalen. Billige Plastik- und Stoffschuhe sprechen auf ihre Art eine ebenso deutliche Sozialsprache wie teuere Kroko- oder Velourschuhe. Auch geputzt oder nicht geputzt kann bereits ein Kriterium für die Zuordnung sein. Oder denken Sie bitte an die medizinische Indikation bei Kranken oder Behinderten, orthopädische Schuhe tragen zu müssen.

Und noch etwas kam durch den Trend zur Masse hinzu: gutes Schuhwerk adelte jetzt auch Hersteller, Firmennamen und Länder; so kennen wir alle z.B. den hohen Qualitätsstandard italienischer Schuhe. Und Sie alle werden sich erinnern, daß in der ehemaligen DDR Besucher aus dem "wohlhabenderen" Westen in der Regel sofort an ihren Schuhen identifiziert werden konnten. Und der von Meistern der Zunft gefertigte Designer-Schuh ist gerade heute wieder zum Mittel geworden, sich aus der Masse der Anonymität auffallend herauszuschälen, mit anderen Worten, sich über die Masse zu stellen.

Allein diese kurze tour d'horizon zeigt bereits die nicht zu unterschätzende Bedeutung des Schuhes als Träger einer Fülle von Informationen. Der Schuh sagt, ob Sie modebewusst oder eitel sind, oder ob Sie Schuhe nur als Mittel zum Zweck tragen, der Schuh verrät, ob Sie Geschmack besitzen oder nicht, er kündet, wie wir gesehen haben, von der Zeit und den Ländern seiner Herstellung, von seiner Verbreitung, er berichtet über Sozial- und Krankenstand seiner Träger/Trägerinnen. All dies kann der Schuh. Nur eines kann er von sich aus nicht: die Befindlichkeit der Person, den Gemütszustand des Individuums, also gewissermaßen das Psychogramm seines Trägers/seiner Trägerin sichtbar machen.

Um hinter den Informationen, die der Schuh über seinen Träger/seine Trägerin geben kann, zu den Absichten selbiger Träger/Trägerinnen zu gelangen, bedarf es folglich noch einer weiteren Dimension. Stellen Sie sich bitte einmal vor, ein Mensch geht durch weichen Sand oder feuchte Erde und hinterlässt seine Fuß-Spuren. Wir kennen das alle spätestens aus Karl Mays Romanen, wie etwa Winnetou oder Old Shatterhand die Spuren der Feinde lesen. Fuß-Spuren können nämlich allerhand verraten: ob Tier oder Mensch, ob der Mensch, der sie hinterlassen hat weiblichen oder männlichen Geschlechtes ist, jung oder alt ist, schwergewichtig oder leicht, ob er in Eile war oder nicht, ob er einen Gehfehler hatte oder nicht, ob er ein forsches oder eher zögerliches, ängstliches Verhalten an den Tag legte. Aber wir lernen auch, daß der Wind alle Fuß-Spuren irgendwann wieder verweht. Die Spur ist flüchtig und unter normalen Bedingungen bleibt keine Erinnerung. Erst wenn ein Mensch durch frischen Beton ginge - was unabsichtlich schon mal vorkommt - bliebe sein "Eindruck" länger bestehen.

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Martin Boss
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aktualisiert am 17. März 2008 um 15:00 Uhr