- Von der Anwesenheit des Abwesenden -

Pavillon


Was hat dies alles mit der hier aufgebauten Ausstellung zu tun?

Es war Ende der 80er Jahre, als Werner Schaarmann auf einen schon längst verstorbenen Landsmann stieß: Jakob Paul Freiherr von Gundling. 1673 in Hersbruck - wo auch Werner Schaarmann herkommt - geboren, verließ Gundling schon bald seine fränkische Heimat und zog in die Welt hinaus. 1705 trat er in Potsdam in die Dienste des preussischen Hofes, wo er als Philosoph, Historiker, Rechtsgelehrter und Geograph Eingang in die berühmte "Tabaksrunde" Friedrich Wilhelms I. fand. Anfänglich willkommener Gesprächspartner, stieg er schnell zum Berater des Königs auf, fiel jedoch auch ebenso schnell in Ungnade, versuchte zu fliehen, wurde wieder eingefangen, eingekerkert und, als er 1731, 58jährig, starb, in ein Faß gesteckt - eine Anspielung auf Gundlings Lieblingsphilosophen Diogenes - und unter Verhöhnungen vom Hof und den Soldaten Friedrich Wilhelms, den man auch als "Soldatenkönig" kennt, in diesem Faß begraben. Fragmente eines turbulenten, doch flüchtigen Lebens... - Hinterließ Gundling Spuren?

1991 durchstreifte Werner Schaarmann Potsdam auf der Suche nach Gundling. Was er fand, waren Eindrücke, Stimmungen, Gerüche, Laute .... Was er um sich sah, war das Schloss, der riesige Park, die langen Straßen und das gnadenlose Kopfsteinpflaster, über das sicher auch schon die Stiefel der Truppen des Soldatenkönigs marschiert sind. Werner Schaarmann schloss sich für 21 Tage in der Potsdamer Kunstfabrik ein und schrieb ein Tagebuch. Gundlings Tagebuch - es wurde Werner Schaarmanns "Potsdamer Tagebuch". Er schrieb es mit Gips, dem Gips abgeformter Steinblöcke des Schlosses von Sanssouci, er schrieb es mit Gesichts- und Schulterabformungen, er schrieb es mit Diapositiven und er schrieb es mit Stiefeln. Sie standen am Anfang der 21 Tage und am Ende, und jeden Tag kam eine neue Abformung hinzu. Dieses Tagebuch schrieb er auf das Pflaster der Kunstfabrik. Dort blieb es als Ausstellung während des ganzen August 1991 zu sehen. Jetzt ist es hier angelangt.

"Das Potsdamer Tagebuch" in der Gipsabguss-Galerie der Antikensammlung in Erlangen

Die Stiefel waren natürlich nicht Gundlings Stiefel und sie waren auch nicht die Stiefel von Friedrich Wilhelms Soldaten. Aber es waren Soldatenstiefel, es waren Fundstücke von Soldaten vielleicht der Roten Armee, zufällig aufgelesen in Potsdam oder sonstwo. Es ist nicht mehr wichtig wo, denn genau genommen waren es inzwischen gar keine Stiefel mehr, sondern sie waren durch das Erlebnis der 21 Tage zu Teilen des ehemaligen Trägers geworden, ja mehr noch, sie haben für Werner Schaarmann sogar ein Stück von Gundlings Leben angenommen. Fundstücke also nur - oder (Kunst)-Stücke des Findens?

Nach diesem Schlüsselerlebnis begann Werner Schaarmann überall in der Welt nach Schuhen zu suchen, aber was er fand waren verblichene oder verbleichende Zeugen ehemaliger oder noch lebender Personen. An Mexikos Grenze so gut wie in Hersbruck, in der Fremde so gut wie im Freundeskreis - ob Stiefel oder Sandalen, ob Schuhe von Lebenden oder Schuhe von Verstorbenen, von Bekannten und Unbekannten. Es ist egal wer sie wann trug oder wie sie aussehen. Entscheidend ist vielmehr ihre Geschichte. HABENT SUA FATA "PEDELLI." Nicht mehr der Schuh als solcher, wie wir ihn oben beschrieben haben, ist nun interessant, wer ihn getragen hat ist die neue Frage und wie er ihn getragen hat oder anders ausgedrückt: was kann ein verlorener, weggeworfener oder abgelegter Schuh über sich und seinen ehemaligen Träger/seine Trägerin erzählen? Denn dass er erzählen kann, beweist diese Ausstellung. Lange getragen schmiegt sich der Schuh als Form nämlich dem Fuß des Trägers/der Trägerin an und bewahrt durch die einmalige, nicht wiederholbare Ver-Formung die Erinnerung an seinen Träger/die Trägerin. Wie der Sand in der Wüste. Jedenfalls für längere Zeit.

Nun trat etwas Entscheidendes für die künstlerische Weiterentwicklung dieses Ansatzes ein. In jenen Potsdamer Wochen gelangte Werner Schaarmann auf seinen Streifzügen durch Berliner Ausstellungen, Galerien und Museen mehr zufällig als geplant auch in die Abguss-Sammlung alter Plastik in Charlottenburg. Und plötzlich, vor dieser Ansammlung fragmentierter Gipskörper, wurde dem Künstler, dessen künstlerisches Tun bisher eher im Malen und Zeichnen und nur gelegentlich im Verfertigen von plastischen Objekten lag, die Möglichkeit bewusst, daß der künstlerische Prozeß von der Vorstellung zum Werk, also vom Vorbild zum Objekt durchaus umkehrbar ist. Der Gipsabguß lehrt es:

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Martin Boss
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aktualisiert am 17. März 2008 um 15:00 Uhr