- Von der Anwesenheit des Abwesenden -

Pavillon


Ein Ur-Künstler, nennen wir ihn Phidias, formt ein Werk nach seiner Vorstellung (oder nach einem Vorbild). Dieses Werk wird durch die Zeitläufte schwer beschädigt. Es ist danach nicht mehr das Werk des Künstlers, es ist nur noch ein Abglanz desselben, ein Torso. Seine Wunden sprechen vom Schicksal der Statue, seit sie das Atelier des Künstlers verlassen hat. Nun nähert sich ein Archäologe der Szene: nennen wir ihn Winckelmann. Er erkennt im geschundenen Objekt zwar (häufig) das ehemals dahinter stehende Kunstwerk, und er sieht natürlich auch die durch die Wunden überlieferte Zeitgeschichte, aber sie bedeuten ihm nichts, zumindest nichts Wesentliches. Er formt den Torso ab und stellt einen Abguss auf. Trotzdem hat der Archäologe mit der Neuaufstellung Verschiedenes erreicht: der Gips macht auf ein Original aufmerksam, er erzählt seine Geschichte, zeigt seine Deformation und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, durch Ergänzungsversuche am Gips das verlorene Original in toto wiederzugewinnen. Zumindest hypothetisch!

Was bis hierher nur ein für Restauratoren und Archäologen interessanter Vorgang ist, gewinnt jedoch durch das Auftauchen einer dritten Person, des reflektierenden Künstlers, nennen wir ihn Schaarmann, die entscheidende Dimension hinzu: Durch den Abguss wird das Objekt nebensächlich und die Geschichte zur Hauptsache. Die Skulptur wird zur Chiffre, zum Denkmodell. Beziehen wir das Ganze auf die Schuhe als Form, so zeigt sich durch den Ab- bzw. Ausguss der Fuß dahinter, der Fuß, der einstmals in den Schuhen steckte; und hinter dem Fuß erscheint plötzlich der Mensch als die Person, die einst den Schuh getragen hat. Der Schuh konnte also Leben bewahren, weil das Leben den Schuh so "geformt" hat, dass seine Form die Chance bot, das (vielleicht schon längst erloschene) Leben dahinter durch Ausguss wieder sichtbar zu machen. Der Vorgang erinnert natürlich an die ausgegossenen Leiber jener Menschen in Pompeji oder Santorin, deren Augenblick des Todes durch das Leichentuch der Lava konserviert wurde.


MENS SANA IN CORPORE SANO oder "Die äußere Erscheinung ist ein Spiegel des inneren Wesens".

Meine Damen und Herren, wir sind am Ende. Das was ich Ihnen zeigen wollte, musste mit Worten geschehen. Der Künstler zeigt es uns mit Werken. Mit Schuhwerken. Dass diese Schuhwerke keine Schuhe mehr sind, habe ich Ihnen gesagt, dass sie mehr als nur Kunstwerke sind, ist bei einer Kunstausstellung eher ungewöhnlich. Dass aber hinter den Schuhwerken all jene Individuen sichtbar werden können, deren Schuhe der Künstler irgendwo gefunden hat, und die er nie in seinem Leben gekannt hat, genau wie auch jene, deren Schuhe er bekommen hat und die vielleicht noch heute seine Nachbarn sind, in Hersbruck, in Lauf, in Heuchling - das ist einmalig, meine ich. Und das macht neugierig genau hinzuschauen. Werner Schaarmanns Schuhwerke, die, wie wir jetzt besser wissen, eigentlich Fußwerke sind, stehen in dieser Ausstellung in Opposition zu antiken Abgüssen oder sie komplementieren sie, wie im Falle der Olympia-Metope. Sie vermeiden aber vordergründige Korrespondenz, denn die antiken Bildwerke schweigen, nur die Schuhe reden. Sie lassen aber den Dialog zu. Der schöne Mensch, den Heinrich Bulle 1912 aus dem Kanon des Polyklet geformt hat, blickt von oben zu dem Paar Schuhe hinüber, das vor ihm auf einem dünnen Stab balanciert. Könnten sie ihm passen? Natürlich nicht - es sind ja Damenschuhe! Aber darum geht es nicht. Die Frage als solche ist einfach schon falsch. Der Dialog findet nämlich nicht im Saale statt, er findet in den Köpfen von uns statt - oder er findet nicht statt. Denn weder geht es um Phidias, Polyklet, Praxiteles oder Skopas, noch geht es geht um den Doryphoros, den Dresdener Zeus, die Laokoon Gruppe oder das Harpyien Monument. Es geht um Beziehungen zueinander, also um den gedanklichen Spannungsbogen der Kinderschuhe zwischen Athena und dem Dresdner Zeus, um das Innen und Außen von Fuß und Schuh vor dem Raub der Seele aus ihrem Körper durch die Harpyien oder um drei verschiedene Schuhe aus verschiedenen Lebensjahren ein und derselben unbekannten Person vor der Gruppe des Laokoon mit seinen beiden Söhnen, kurz, es geht darum, in der "äußeren Erscheinung die Spiegelung des inneren Wesens" zu finden, eben im Schuh den Fuß, im Fuß die Person und in der Person den Geist dessen, der die Schuhe, die hier im Raum stehen, einmal getragen hat,

es geht um "die Anwesenheit des Abwesenden".

Diese Personen lebendig zu machen, liegt nun an Ihnen, meine Damen und Herren!

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld beim Zuhören.

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Rede, gehalten zur Eröffnung der Ausstellung am 7. Mai 1998 von Klaus Dornisch, Nürnberg.

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Martin Boss
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aktualisiert am 17. März 2008 um 15:00 Uhr